Marcel Reich-Ranicki wird 90. Eine Persönlichkeit! Etwas, was uns die Medien schon lange vorenthalten – und in der Politik so gut wie ausgestorben ist.
Wie immer man zu ihm stehen mag: er hat der Literaturkritik Lebendigkeit eingehaucht; den faden Geschmack intellektueller Gähnologie tausender verkappter Autoren zu einem lustvollen Feuerwerk engagierter, kompetenter und klarer Stellungnahme gemacht! Seine Literaturkritik war das was Literatur sein sollte: Leidenschaft.
Zugegeben, sein „König Literaturkritik“-Gehabe konnte einen irritieren und abstoßen. Aber diese Art egomanischer Leidenschaft ist vielleicht notwendig um einen ganzen Kulturbereich – Literaturkritik – zu beleben und reformieren. Sein Maß war und ist seine Empfindung. Ihm verdanken wir – wie ich meine maßgeblich – die Abkehr von intellektuellem, säuselndem Geschreibsel das sich selbst genügt, hin zu Literatur des Lebens, der Lebendigkeit. Wenn er ein Buch schlecht fand, dann wurde das nicht mit tausend Umständlichkeiten verklausuliert – als wolle man sich entschuldigen, oder die eigene intellektuelle Größe demonstrieren – sondern es „einfach gesagt“! Und genau das ist sein Charisma: in der Kritik sich selbst der Kritik offen stellen!
Marcel Reich-Ranicki war die personifizierte Streitbarkeit! Er hat sich nie hinter grauen Schleiern pseudowissenschaftlicher Phrasologie versteckt um die eigene Kritik zu rechtfertigen. Das hatte er nicht nötig. Warum? Weil er meint(e) was er sagt. Das ist die entscheidende Voraussetzung auch mit der Kritik an eigenen Aussagen umgehen zu können und daran gemessen zu werden – und wohl auch der Hintergrund, dass Persönlichkeiten im öffentlichen Leben aussterben. Er hat öffentlich Schluss gemacht mit der Meinungsforschungsmentalität und dem Trenddenken. Sein Trend war er selbst. Gut so.
Ich würde mir wünschen, dass sein Vorbild an Streitbarkeit und Offenheit in der Meinung Schule macht. Dass wieder klare Worte gesprochen werden, von Leuten die das, was sie sagen zu meinen „auch sind“.
Verwandte Artikel
Tags: 90, egomane, geburtstag, Literatur, literaturkritik, literaturkritiker, Marcel Reich-Ranicki














