Das Bundesarbeitsgericht schreibt Nachkriegsgeschichte: Abschied von dem Grundsatz „Ein Betrieb, ein Tarifvertrag“! Von nun an sind mehrere Tarifverträge im gleichen Betrieb möglich. Das mag sich harmlos anhören, aber es stellt einen drastischen Eingriff in unser Wirtschaftsgefüge dar. Die Folgen könnten ungeahnt sein und kaum „positiv“.
Das Urteil mag dem „Zeitgeist“ entsprechen. Ich frage mich jedoch, sind den „alle“ von allen guten Geistern verlassen? Wozu mit dem Feuer spielen, wenn man einen soliden Herd hat? Sicher kann man auch das ganze Haus anstecken, aber sichere Wärme in stürmischen Zeiten bringt das nicht! Für mich ist dieses Urteil (das man rein rechtlich sicher so entscheiden konnte) so schädlich, wie Mutterkorn im Getreide! Und von einem höchstrichterlichen Urteil muss man erwarten dürfen, dass es bewährte Prinzipien nicht leichtfertig über Bord wirft. Hier wurde es getan. Schlimmer noch, ich fürchte, sie wussten was sie tun!
Was daran so schlecht, schädlich sein soll? Wenn Du diese Frage stellst, bist Du sicher Pilot, Fluglotse, Lokführer oder ähnliches. Anders kann es kaum sein. Denn mit diesem Urteil hat ein neues Zeitalter der Teilung der Arbeitnehmer begonnen! Auf der einen Seite die „große Mehrheit“ der Angestellten und Arbeiter, die durch „einflusslose Einheitsgewerkschaften“ vertreten werden und eine kleine Gruppe von „Absahnern“ dieses Urteils das in kleinen aber sehr einflussreichen „Spezial Gewerkschaften“ vertreten werden. Jüngste Beispiele sind die GDL (Lokführergewerkschaft) oder die Ärztegewerkschaft ‚Marburger Bund‘.
In den kommenden Jahren werden sich alle Arbeit-, Abgestellte Grüppchen mit besonderer Ausbildung, besonderer Qualifikation aus den großen Gewerkschaften lösen. Diese Gewerkschaften werden nur noch eine kleine Klientel bedienen, die sich als privilegiert betrachtet und auf Grund der zentralen Bedeutung ihrer Mitglieder im Unternehmen unverhältnismäßig viel Einfluss repräsentieren. Der „Rest, die Masse“ der Belegschaft wird von diesem „Durchsetzungspotential“ abgeschnitten. Ihnen wird die „Aufgabe“ des „Sparpotentials“ zufallen; unweigerlich. Das ist das endgültige Aus für „solidarische Arbeitnehmerschaft“! – definitiv.
Ich fürchte meine Phantasie reicht nicht aus, die Folgen wirklich zu antizipieren. Was mir sicher scheint, sind ein weiterer Verfall von Unternehmenskultur – der diesmal keineswegs den Unternehmen an zu Lasten sein wird.
Die Großen Gewerkschaften werden zunehmend an Einfluss und damit Mitglieder verlieren und wenn sie in dieser Welle der Entsolidarisierung nicht zur Bedeutungslosigkeit verkommen wollen, wird es Arbeitskämpfe „bis zum Ruin“ geben – wie wir sie bisher (glücklicherweise) nur aus anderen Ländern kennen.
In den Unternehmen wird sich eine Spaltung vollziehen, die es bisher nur zwischen Arbeitern, Angestellten und Management, Inhabern zu finden war, aber nun auch die Angestellten/Arbeiter zutiefst spalten wird. Die Löhne und Gehälter der einen werden (im günstigsten Fall) nicht steigen und die anderen werden ungeahnte Zuwächse genießen!
Die berufliche, schulische Bildung wird noch weitaus stärker als bisher über das mögliche Einkommen entscheiden. Es wird „ein Pool“ von „Streikbrechern“ und „Austauschpersonal“ entstehen, das gewerkschaftliches Agieren für die „Masse“ fast unmöglich machen wird. Was jedoch keines Falls an der „Solidaritätslosigkeit“ dieser „potentiellen“ Arbeitnehmer liegt, sondern daran, dass es ihre einzige Chance ist. Infolge wird es auch das endgültige Aus für jene Legenden der Arbeiter und Angestellten sein, die über Jahrzehnte hinweg im gleichen Unternehmen tätig sind.
Die Zeiten, in denen man mit einer fundierten Berufsausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit ein dauerhaft gesichertes Einkommen hatte werden sich in verflüchtigen. Es wird zunehmend eine Frage sein, wie billig will und kann man sich verkaufen?! – denn an der nächsten Ecke steht bereits der Ersatz.
Ich fürchte, solche Mahnungen werden für „Schwarzmalerei“ gehalten. Aber es wird nichts ändern! Damit verabschieden wir uns letztlich von allem, was wir nach dem Wiederaufbau nach dem 2-ten Weltkrieg, in dieser Republik als „Soziale Marktwirtschaft“ kreiert haben und wofür wir all die Jahre weltweit! gepriesen und geneidet wurden!
Ein bitterer Tag für unsere Republik und ich bin froh, nicht mehr Jugendlicher zu sein.
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