Irgendwann kommt in jeder Beziehung der Moment, in dem eine unsachgemäß zerdrückte Zahnpastatube oder ein arglos dahin geworfenes Kleidungsstück zum Explosionsherd wird. Kleine Eigenheiten und Ticks, die im Licht der rosa-roten Brille höchstens verschwommen wahrgenommen wurden, mutieren im Laufe der Zeit zu monströsen Macken, deren Anblick „einem den Kragen platzen lässt“.
Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid erklärt sich die plötzliche, unverhältnismäßige Entladung angestauter Wut gegenüber dem Partner anhand der Notwendigkeit zur Polarisierung. So seien die Auslöser des Ärgers nicht etwa die Macken selbst, sondern die Erkenntnis der Diskrepanz zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand: Das reale Verhalten des Partners entspricht nicht dem Ideal, das wir von einer Beziehung haben. Die Wut soll die Grenzen der Wirklichkeit sprengen und Distanz schaffen, wo die Nähe zu groß geworden ist. Somit dient Wut u. a. der Regenerierung des ICHs im WIR – ein dauerhafter Zustand der Verschmelzung ist dem Menschen nicht möglich. Zudem erzeuge Ärger über Kleinigkeiten Spannung, die der Partnerschaft neue Lebenskraft einflöße, durch seine zyklische Wiederkehr aber nicht den gewohnten Lebensrahmen sprenge.
Nur wer sich selbst und dem Partner ohne Angst vor Vorwürfen über seine Unverhältnismäßigkeit Ärger zugesteht und ihn auslebt, könne demnach eine dauerhafte und spannende Zweisamkeit genießen. Die Unterdrückung der Wut dagegen führe zwangsläufig zu einer endgültigen Trennung, selbiges gelte für Menschen, die sich mit ihrem Ärger identifizieren und ganz in ihm aufgehen. Wer den Ärger jedoch als gegeben voraussetzt und seine Seinsberechtigung anerkennt, kann sich schnell wieder von ihm lösen.
Nach der Entladung folgt Befreiung und Entspannung: Der Ärger wird in die Beziehung integriert, die jeweiligen Bedürfnisse sind neu austariert und beide Partner können sich wieder anderen Dingen zuwenden, z. B. dem Sex – der ist bekanntlich nach einem wilden Streit am Besten.
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Bild: Scheveningen fireworks von ** Maurice **, Lizenz: CC
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Tags: Alltägliche, Angst, anregung, Ansicht und Reflektion, Ärger, bewusstsein, Beziehung, ehrlich, Familie, freiheit, Gesellschaft, Liebe, mensch, Partnerschaft, Philosoph, Philosophie, Quälerei, Ratschlag, Schimpfen, Schmerz, Sex, Verletzlichkeit, Wahrheit, Wut















Schön, dass Du uns auf den Artikel aufmerksam gemacht hast. Aber dazu hätte ein Link gerecht. Wo ist Deine Meinung? Wie siehst Du das? Steht LEUAS nicht für MEINUNG? Ich hoffe doch sehr! Vor allem, weil jeder der mehr als eine flüchtige Nacht mit jemandem verbringt, von dem man explizit nichts näheres Wissen will-, diese Erfahrung kennt.
Für mich sind diese scheinbar unverhältnismäßigen Ausbrüche über Banalitäten der Kondensationspunkt für die Summe von Missverständnissen und unausgesprochenen Ärgernissen. Wir alle neigen zumeist dazu nicht jedes Problem von scheinbarer, vermeintlicher oder wirklicher Unachtsamkeit des andern, Verletzung durch den andern, anzusprechen und versuchen es zu übergehen, ignorieren. Oft ist dies sinnvoll; nichts ist nervender als alles ‚ausdiskutieren‘ zu wollen. Man kann nicht alles diskutieren. Für jeden gibt es in einer engen Beziehung apriorische Bedingungen die einfach vom Partner erfüllt werden müssen. Diese gegenseitig zu vermitteln und gegenseitig zu akzeptieren macht aus meiner Sicht erst eine dauerhafte Beziehung möglich! Wenn das fehlt, wird es immer wieder zu ‚Banalitäts-Ausbrüchen‘ kommen. Denn wer Wust an Vermutungen und Verletzlichkeit über Beweggründe und Vermeintlichkeiten wird immer und immer wieder zu sich langsam aufbauenden Spannungen führen, die dann plötzlich, scheinbar recht unmotiviert ausbrechen.
Deiner einzigen – ich hoffe es war eine – Meinungsäußerung in dem Beitrag stimme ich Dir zu: Sex ist eine herrliche und hilfreiche Versöhnungsstrategie! Physische, emotionale Spannungen können sich genussvoll ‚entladen‘ und man versichert sich unmittelbar des andern. Allerdings auch das hat seine Grenzen.
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Der Artikel ist nicht online abrufbar, sondern stammt aus einer Fachzeitschrift für Psychologie. Da ich annehme, dass niemand auf meinen Tipp hin 6 Euro für eine Zeitschrift ausgibt, habe ich ihn hier kurz zusammengefasst. Warum? Eben weil jeder diese Situationen kennt und ich es sehr interessant finde, sie einmal von der philosophischen Seite zu betrachten. Übrigens geht es in dem Artikel nicht um das “Ausdiskutieren”, sondern um die Akzeptanz des Ärgers. Ich fand diese Anregung sehr hilfreich, da ich es von mir kenne, auf der einen Seite aufkommende Wut zu unterdrücken und mich andererseits schnell angegriffen fühle, wenn jemand seinem Ärger Luft macht. Beides ist aber keineswegs hilfreich, das ist meine Meinung. Kann man Ärger, sowohl seinen eigenen als auch den des Partners, dagegen als festen Bestandteil der Beziehung als gegeben hinnehmen, lebt es sich leichter. Diese Erfahrung, die ich durch den Artikel gemacht habe, wollte ich hier teilen.
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Hallo Lelia,
sorry. Aber mich beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn ‚irgendwelche‘ Psychologen zitiert werden, ohne klare Ansage: das habe ich so oder so nicht erlebt! Das stimmt mit meinem Erleben überein oder eben nicht. Es gibt kaum eine (und in verwende diesen Ausdruck nur ungern) Wissenschaft, die widersprüchlicher ist. Ich sehe sie eher als philosophische Disziplin – und wohl gemerkt, ich halte die Philosophie für eine unserer größten Leistungen! Aber man muss sich aus meiner Sicht hüten, den heuristischen Wert einer solchen Aussage mit denen anderer Wissenschaften gleich zu setzen.
Psychologie hat für mich nur konkreten Sinn – gerade weil es kaum etwas verschwommeneres gibt. Wenn es einem konkret hilft – etwa mit seinem Partner/in zurecht zu kommen. Und dazu ist die persönliche Stellungnahme, Erfahrung wichtig. Siehst Du das anderst?
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Hallo Überdenrand,
ich stimme Dir vollkommen zu: Psychologie ist keine exakte Wissenschaft und basiert auf Erfahrungswerten. Wie gesagt sollte der Artikel auch nur als Anregung gedacht sein, eine bekannte, alltägliche Situation einmal aus metaphysischer – und damit aus der Distanz – zu betrachten. Und hier meine persönliche Stellungnahme bzw. Erfahrung: Diese Sichtweise hat mir sehr geholfen mit dem banalen Ärger(nissen) in meiner Beziehung lockerer umzugehen und ich hoffe, dass auch der ein oder andere Leser diese Erfahrung machen kann.
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