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Das Fernsehtrauerspiel Depression

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Rund einen Monat ist es nun her – der tragische Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke und das folgende höchst befremdliche Medienspektakel zur öffentlichen Trauerfeier im Stadion. Kolonnen von Ü-Wagen zur Live-Übertragung, tausende Fans und Schaulustige, aber auch die Sport-, Medien- und Politikprominenz waren gekommen, um dem Sportler die letzte “Ehre” zu erweisen. Und während Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in seiner Ansprache feststellte, die Welt sei nicht im Lot, wurde noch einmal die Witwe geschüttelt und überall im Stadion quetschten sich die Reporter durch die Menschenmassen um die berührensten Eindrücke einzufangen.

Befremdlich ist nicht nur das unerträgliche Medienspektakel um einen Selbstmord, von dem sich weder seine Familie noch die Bahnfahrer des Zuges, vor den sich der Sportler geworfen hat, jemals wieder ganz erholen werden. Plötzlich ist jeder tief betroffen, man solle doch offen über Depressionen reden und die Gesellschaft müsse als Konsequenz aus Enkes Suizid dringend umdenken. Nicht nur im Leistungssport, sondern in der Arbeitswelt allgemein gelte ein extremer Leistungsdruck – wer nicht funktioniert, wird dabei schnell zum Versager.

Es sind keine Naturgesetze oder feststehende Strukturen, die andere Menschen zu Schwachen, zu Schwächlichen, zu Versagern abstempeln – es sind die gleichen Menschen, die an den Bildschirmen mittrauerten, die verständnisvoll den bei Beckmann ausgebreiteten Leidensgeschichten Betroffener lauschen oder sich aufgeregt an den Diskussionen über den schrecklichen Zustand unserer Gesellschaft beteiligen.

Die Reaktion auf Krankmeldungen wegen psychischer Probleme, auf das Bekanntwerden von Reha-Aufenthalten oder die Einnahme von Antidepressiva lässt sich wohl im besten Fall als befangenes Mitleid beschreiben. Echtes Verständnis kann jemand, der offen mit seiner Depression umgeht, oder sie getarnt als Burnout-Syndrom kommuniziert, in den seltensten Fällen erwarten. Hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt, ” Er war ja schon immer ziemlich labil.”, “Die Arbeit ist wohl zu belastend.”, “Er konnte einfach mit dem Druck in seiner Position nicht umgehen.”.

Obwohl wir nun von Spiegel, Kerner und Beckmann über die schreckliche Krankheit Depression aufgeklärt worden sind und von Politikern zum Umdenken angehalten wurden: Jenseits des Flimmerkastens bleiben Depressionen gleichbedeutend mit Schwäche und mangelnder Leistungsfähigkeit. Es ist schon seltsam wie mitfühlend wir auf das Schicksal Fremder im TV reagieren, während der Nachbar oder Angestellte bestenfalls ein Kopfschütteln wert zu sein scheint.

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