Mal ehrlich: Von Besinnlichkeit kann zum „Fest der Liebe“ kaum mehr die Rede sein. Da müssen Plätzchen gebacken, Geschenke gekauft, Besuche terminiert und unliebsame Verwandte ertragen werden – ganz zu schweigen vom Stau auf der Autobahn und Magengeschwüren durch zu viel und zu schweres Essen.
Gerade Frauen, die nach wie vor für den Großteil der Familienplanung und das „Catering“ Sorge tragen, stehen um die Feiertage unter erhöhtem Druck. Kein Wunder also, dass es zur Weihnachtszeit in Familien zu erhöhten Konflikten und Trennungen kommt. Aber warum halten wir so verbissen fest an der verstaubten Tradition? Bei Familien mit Kindern, kann ich den Einsatz ja noch verstehen: Wer erinnert sich nicht an die juvenile Vorfreude während des Weihnachtsbaumschmückens, Wunschzettelschreibens und Adventskalenderbastelns? Ich persönlich erinnere mich aber auch an die angespannte Stimmung und die unweigerlichen Zusammenbrüche meiner Mutter, wenn mal wieder eines ihrer perfekt durchgeplanten Gerichte verbrannte, weil sie gleichzeitig versuchte Weihnachtssterne für die Tischdeko zu basteln und das Kristall zu polieren. Schon als Kind habe ich mir gedacht, dass ich auch mit Miracoli ganz zufrieden wäre …
Für die Wirtschaft mag Weihnachten ja ein Fest sein, aber müssen wir wirklich jedem Cousin dritten Grades eine vorgefertigte Karte schicken und Unmengen an Bäumen für Kalender fällen, die sowieso im Müll landen? Oder könnten wir dieses Geld nicht in Dinge investieren, die wirkliche Wünsche erfüllen? Ich für meinen Teil freue mich wesentlich mehr über Geschenke, die aus der Reihe fallen und geschenkt werden, weil jemand gerade an mich gedacht hat oder etwas gesehen hat, von dem er glaubte, es wäre genau das Richtige für mich.
Viele Familien geben an, dass Weihnachten die einzige Gelegenheit sei, um endlich alle mal wiederzusehen. Bleibt nur die Frage, warum man sich sonst das ganze Jahr nicht sieht. Zu viel zu tun gibt es gerade um die Weihnachtszeit – derartige Ausreden sind also völlig widersinnig.
Trotzdem findet in Deutschlands Haushalten Jahr für Jahr dieselbe Farce statt: Keiner möchte zugeben, dass ihn die Tradition überfordert. Noch immer versuchen wir uns Eltern, Großeltern, Tanten und Geschwistern gegenüber als „Sonnenschein“ zu präsentieren, obwohl doch gerade die Familie den Schutz bieten sollte, einfach man selbst zu sein – inklusive verstaubter Regale und gekaufter statt selbstgebackener Plätzchen. Doch Familientraditionen zu durchbrechen, erfordert eine gehörige Portion Mut. Wer es allerdings wagt, der kann seine Verwandten vielleicht einmal von ihrer echten Seite sehen – und möglicherweise auch die liebenswerten Eigenschaften entdecken. Einem wirklichen Fest der Liebe stände dann nichts mehr im Weg …
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