In seinem Aufsatz „Unsere Zukunft in der Matrix“ stellt Nicholas Carr die Frage, ob das Internet die Mittelschicht zerstört und welche Anforderungen das digitale Zeitalter an die Politik stellt. Ich möchte mich hier nicht zu den wirtschaftlichen Folgen der Digitalisierung äußern, da ich weder Ökonomin bin, noch die eventuelle Auswirkungen des Internets auf die Weltwirtschaft für aufhaltbar halte. Allerdings würde ich gerne näher auf die Anforderungen eingehen, die das digitale Zeitalter an den Menschen hat – vor allem hinsichtlich seiner Informationsbeschaffung. So kann heutzutage jeder (und ich schließe mich hier nicht aus) sein (Halb-)Wissen über das Internet publik machen. Bestes Beispiel dafür ist Wikipedia, das auf die Kontrolle seiner Leserschaft setzt. Eine solche Vorgehensweise setzt allerdings voraus, dass
- Sich die Leserschaft der möglichen Fehlerhaftigkeit der Quelle bewusst ist und
- Über genug Verantwortungsbewusstsein verfügt, eventuelle Mängel aufzuzeigen
Abgesehen davon, dass sich eine Artikelüberarbeitung bei Wikipedia als durchaus langwierig herausstellen kann (So zeigte ein bekannter Künstler und Freund von mir Fehler an seiner von einem externen Autor verfassten Biographie bei Wikipedia an, die entsprechenden Änderungen wurden aber erst nach einem halben Jahr übernommen), wage ich genau an jenen Qualitäten in unserer Gesellschaft zu zweifeln. Sei es aus Ignoranz, allgemeiner Verblödung (angeblich stellen Intelligenz-Forscher seit ein paar Jahren eine stetige Abnahme des durchschnittlichen IQ fest) oder schlichter Überforderung: Ich halte die meisten Menschen für alles andere als den Anforderungen der Zeit gewachsen und gebe vor allem der Bildungspolitik die Schuld dafür.
So sind Computer nach wie vor eine Rarität an den öffentlichen Schulen und auch wenn es vielleicht unüblich geworden sein mag, Gedichte auswendig zu lernen, so gilt doch noch immer die Prämisse: „Was in den (Schul-)Büchern steht, ist unangreifbar.“ Ist es da ein Wunder, dass wir derartig konditioniert alles Geschriebene – ob analog oder digital – zunächst für wahr halten? Kritische Hinterfragung steht meist erst im Geschichtsunterricht und der NS-Zeit auf dem Lehrplan – wenn überhaupt.
Unser Schulsystem steckt angesichts der rasanten Entwicklung, die das Internet mit sich gebracht hat in der Steinzeit fest und wenn wir überhaupt noch so etwas wie Chancengleichheit und sozialer Kompetenz für unsere Kinder wollen, dann muss in dieser Hinsicht schnellstens etwas getan werden oder wir haben bald eine neue Klassengesellschaft mit jenen Wenigen, die Informationen richtig auswerten und die weniger „gebildeten“ geschickt nach ihren Wünschen manipulieren können und jener Mehrheit, die zu bloßen Marionetten der erstgenannten wird, weil Ihnen die Fähigkeit fehlt, mehr zu sehen, als dass, was sie unmittelbar betrifft.
Mehrere interessante Essays über “Die digitale Revolution – Mensch und Cyberwelt im 21. Jahrhundert” des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Augsburg findet Ihr hier.
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