Ich habe angefangen (Teil I) also:
… Als ich die Böschung hoch kroch – Was geschehen war lag weit außerhalb meines Bewusstseins. Mein Verstand verwob sich in stupider Unmittelbarkeit: „Was wird aus meinem Auto?“, „Was sage ich der Versicherung?“, „Soll ich die Straße lang gehen? Warten bis jemand vorbei kommt? –„. Die letzten Stunden waren wie verschluckt; und überhaupt: was war, wie ich in diese Situation kam? Diese Frage gab es nicht.
Ich stand unschlüssig am Straßenrand; Blut tropfte von der Hand … Keine Schmerzen, nur die Frage, was sollte ich tun??
Irgendwann kam ein Taxi vorbei. Die Fahrerin hielt an, Fragte ob sie mir helfen könne. Sie fuhr mich ins Krankenhaus (und ich weiß noch, mit welcher peniblen Sorgfalt ich darauf bedacht war keine Blutspuren zu hinterlassen).
Im Krankenhaus kann ich mich noch erinnern, dass ich im Fahrstuhl einfach zusammen klappte; nicht aus Erschöpfung; das rechte Bein wollte schlicht nicht mehr. Auf dem Behandlungstisch – ich nahm noch die ersten Stiche an meiner rechten Hand war – dann war nichts mehr; viel in Schlaf, Ohnmacht. Jedenfalls war ich zwei Tage ohne irgendeine Bewusstheit.
Wie ich wach wurde, was ich empfand kann ich nicht sagen. Jedenfalls keine Verwunderung oder Unsicherheit. Fast hatte es etwas ganz logisches, ja Notwendiges. Mein rechtes Bein war von den Hüften bis zu den Zehen in Gips; desgleichen meine rechte Hand – Unterarm und Finger. Und wie man mir später sagte eine schwerere Gehirnerschütterung.
Die – ich glaube – vier Wochen im Krankenhaus waren – im Nachhinein – ganz merkwürdig. Eigentlich wollte ich nur meine Ruhe – was sicher nicht verwunderlich. Aber ‚alle Welt‘ wollte sich bei mir ‚ausweinen‘ von mir den Rat, was zu tun sei. Ein gut 20 Jahre älterer wollte von mir wissen was er zwischen seiner Frau und Freundin tun solle. Ein anderer gut 30 Jahre älterer weite sich aus, über seine Frau die ‚plötzlich‘ lesbisch geworden sei. … Und irgendwie schien es als hätte ich ihnen tatsächlich gegeben, was sie suchten – was immer es war. Mich berührte alles überhaupt nicht, oder verwunderte mich auch nur. Ich wollte auch nicht Nachhause. Ich wäre zufrieden gewesen einfach dazu liegen, nichts zu tun, nichts zu denken, nichts zu fühlen.
Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde lagen die Ereignisse die zu dem Unfall geführt hatten weit jenseits meines Bewusstseins. Und ich machte auch keinen Versuch der Erinnerung. Ich erinnerte mich, dass ich sie Nachhause gefahren hatte und dass ich im zertrümmerten Auto zu mir kam. Mehr brauchte und wollte ich nicht wissen.
Es kamen merkwürdige Jahre. Die Vergangenheit verblasste immer mehr. Den Unfall hatte ich zur Gänze aus meinen Gedanken gebannt. Die Gegenwart war blas, belanglos durchdrungen von mechanistischer Gleichgültigkeit. Die Zukunft? Das war etwas von deren Existenz ich wusste, mich aber überhaupt nichts anging; hatte den Charakter eines Gerüchts, dem ich keinen Glauben schenkte. Das Absurdeste – im Nachhinein – war dass ich zum ‚Großen Versteher‘ mutiert war. Alle möglichen Leute meinten mir ihr ‚Herz ausschütten‘ zu sollen. Obwohl es mich nicht die Bohne interessierte: es schien ihnen zu helfen. Andererseits ihnen zu sagen, sie mögen mit der Wand reden, die würde sich mehr dafür interessieren als ich- Es ist mir in den Jahren dieser Zeit nie ansatzweise in den Sinn gekommen. Auch das war mir völlig schnuppe.
Ich Studierte. Ohne Engagement. Aber ich tat es. Was hätte ich sonst tun sollen?! Es gab ein paar Frauen. Und sie gaben mir wirklich etwas: den Anstoß wieder einen Schritt weiter zu gehen. Und ihnen? Jedenfalls gab es keine Trennung in Streit. Vielleicht nur weil ich keinerlei Verletzlichkeit zu ließ? Wenn ich Bilder aus dieser Zeit sehe- Meist kann ich sie zeitlich überhaupt nicht einordnen. Kann mich an Elemente der Begebenheit erinnern, aber der Kontext des ‚Davor‘, ‚Danach‘ fehlt. Stets nur zusammenhanglose Bruchstücke von jemandem, den ich kaum kenne. Ich bedaure darin, davon nichts. Belangloses kann niemand bedauern.
Möglich dass ich in diesem Zustand bis zum Dahindämmern versunken wäre, wenn da nicht SIE gewesen wäre … ( demnächst: durch den Schmerz zum Leben oder die Erinnerung).
Vielleicht seht ihr auch da rein.
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