Hallo Leute. Ich hoffe, ihr tut mich nicht gleich als ‘armer Spinner’ einordnen. Aber … Nach all den Jahren muss ich es einfach einmal schreiben.
Ich habe noch nie öffentlich darüber geredet, geschrieben. Wahrscheinlich ist es auch unsinnig. Zumindest für andere. Wie sollte es möglich sein es zu verstehen? Es zu begreifen? Man kann sich keine Vorstellung machen. Es liegt außerhalb des Verstehens. Ich selbst kann es nicht begreifen. Mich verwundert es, dass ich nicht in der Irrenanstalt bin. Und das ist kein Scherz; keine Ironie.
Ich habe fast zwanzig Jahre für diesen Schritt gebraucht. Lange Zeit war ich eher eine Maschine als ein Mensch. Ich habe weitgehend funktioniert. Zumindest scheinbar. In dem was andere wahrnehmen konnten. Trotzdem war ich weit weg. Irgendwo zwischen Verdrängen, Verleugnen des Erlebten, Gewesenen und dem was wir Wirklichkeit nennen.
Natürlich schreibe ich für mich. Ausschließlich für mich. Es hat etwas Tröstliches; helfen wird es wahrscheinlich nicht. Im Grunde hoffe ich, dass ihr mich nicht verstehen könnt; mir nicht glauben werdet. Es zu erfassen heißt, nie mehr ins Leben wirklich ‚zurückkommen‘.
Wie habe ich gelesen, wie man das nennt: ‚NTE‘ (Nahe Tod Erlebnis). Das klingt herrlich distanziert. Ein Ausdruck wie ‚Prostataleiden‘. Wie auch immer: es geht um Mein NTE (Nahe Tod Erlebnis). Obwohl- Ich war Tod. Ich war nicht ‚nahe‘ ich war angekommen! Aber ich wurde… Zurückgewiesen? Zurückgerufen? Jedenfalls wurde mir das Ankommen genommen. Ich wurde zum Leben verurteilt – und ich habe keine Ahnung welches Vergehen eine solche Strafe rechtfertigt! Es ist einfach Wahnsinn!
Versteht hier NTE (Nahe Tod Erfahrung) also im Sinne von trotzdem Leben müssen.
Die meisten Menschen werden derartige Erfahrung als ein Unfalltrauma sehen wollen. Das kann ich niemandem verübeln. Es ist eine Erklärung. Nicht originell und aus meiner Sicht weit gefehlt. Immerhin erlaubt es zu lesen und nicht das Leben, nein die Lebendigkeit, zu verlieren.
Leider kann ich nichts von Lichttunneln erzählen. Von Verwandten die mich erwartet hätten … Schöne Bildchen. Scheint auch richtig populär zu sein. Ich jedenfalls habe nichts der Gleichen erfahren. Ja überhaupt nichts, was man mit visuellen, normal sinnlichen Erfahrungen vergleichen oder nur analogisieren könnte. Aber der Entsetzliche Unterschied ist- Wie soll ich sagen? Es gab kein Glücksgefühl einer neuen Chance; kein ‚neu geschenktes Leben‘; keine Intensivität des bewussten Seins … Im Gegenteil. Es war die Verdammnis in Banalität; die Pein der fader Nichtigkeit; der Verlust von Intensität.
Eigentlich war es ein „Auf und Davon“ Urlaub; sollte es zumindest werden. Es fing auch wirklich gut an. Ich traf eine Anhalterin – schlank, lange braune Haare, rehbraune Augen. Es war warm. Ihr Haar, ihr geschmeidiger Körper duftete nach ihr; eine Mischung aus Lavendel und betörendem Schweiß- Es war – im Nachhinein – merkwürdig. Obwohl , es ist über zwanzig Jahre her, weiß nicht einmal mehr Ihren Namen; es könnte sein, dass meine Erinnerung daran mehr von meiner Vorstellung, als dem wirklichen Geschehen geprägt ist. Fast zehn Jahre lang meine Erinnerung nur ein trübes, unbestimmtes Etwas ist – ohne Konturen, klare Bilder und Zeitgefühl. Aber wir haben uns einfach verstanden. Ich fragte nicht wohin sie wollte; Sie nicht wo mich der Weg hinführen sollte. Wir sprachen kaum; lachten dafür um so mehr; tanzen in alten Burgruinen, gingen in Jeans und T-Shirt in noble Speise Lokale (in denen wir ohne einen Hauch von Anstoßnehmen bedient wurden) und liebten uns in Seitenwegen, auf dem Feld, im- und auf dem Auto, im Zelt – Nein. Das hatte für Sie und für mich nichts mit Liebe zu tun; ich bin sicher auch sie hat keinen einzigen Moment an daran gedacht. Es war einfach schön. Ohne Vorher und ohne Danach –
Wir waren in einer Art unbeschwertem Rausch. Am dritten Tag erwachte sie als erstes: „Fahre mich bitte zurück.“ Und ich sage „Klar.“.
Ich lieferte Sie zuhause ab – sie war wohl verheiratet. Ich sieg ein und fuhr. Da hätte ich haltmachen und schlafen müssen. Die vergangenen Tage hatte ich kaum mehr als vier, fünf Stunden geschlafen; wir waren zu sehr mit uns, vielmehr mit unseren Körpern und der Lust am Selbst beschäftigt um zu schlafen.
Ich fuhr rein mechanisch. Irgend ein flüstern sagte mir, ich solle anhalten. Ich hörte es ganz deutlich, aber mit jedem Kilometer schien es belangloser zu sein. Ich erinnere mich eines kurzen Moments, in dem ich tatsächlich anhalten wollte. Ich tat es nicht. Ich? Jedenfalls fuhr ich weiter. Die folgenden seltsamen Wahrnehmungen: Weise Elefanten, Straßen die sich bewegten, meine eigene Verwirrung über meine Gleichgültigkeit den Phänomenen gegenüber – Es war ein gleichgültiges Beobachten. Mehr nicht.
Dann. Irgendwann in diesem zähen Brei: die Glückseligkeit und die Verdammnis in einem. Es war kein Gedanke in mir; ich war es selbst: „Genug.“ Eine Entscheidung die ich als Ganzes war. Es ging nicht um Anhalten, Ausruhen. Alles war genug; ohne Schmerz, ohne Bedauern, ohne Furcht oder Freude. Genug!
Irgendwann (kurz-, lange danach oder unmittelbar, ich vermag es nicht zu sagen) war es da: „JA“ – allumfassend, alldurchdringend, alles Aus- und Einschließend. Nichts außerhalb. Das „JA“ in unvorstellbarer Klarheit, Bedingungslosigkeit, Absolutheit. Ein „JA“ das alles Beschloss und alles Beginnt. In dem ich zerfloss wie ein Regentropfen im Meer. Mich umschlag wie die Sonne einen Regentümpel …
Ich kann dieses Erleben nicht wirklich beschreiben. Christlich allenfalls mit dem Begriff „Erlösung“ benennen. Es gab nichts mehr in meinem Bewusstsein außer diesem „JA“; als letztgültiges Ankommen! Es war keine Ankündigung oder Resignieren. Es war die „Erlösung“; das alles aller Gefühle und Emotionen; die Essens des Sein. Ich wollte nichts mehr, ich hoffte nichts mehr, ich fürchtete nichts mehr …
Und während mir dieses Gewahren eine Ewigkeit erschien, weiß ich doch es kann nur ein Moment gewesen sein, denn gleichzeitig schlug ich das Lenkrad ein und gab Gas – auf einer schurgeraden Landstraße-
Als ich aufwachte – ein angenehm kühler Morgen – war mein Wagen nur noch ein Frag. Alles eingedrückt, zerbrochen, das Gepäck über den ganzen Hang verstreut. Ich kroch irgendwie aus dem, was einmal ein Kleinwagen war; hatte keine Schmerzen; registrierte dass meine Handblutete und ich den Ringfinger nicht bewegen konnte. Das war alles.
Während ich den Hang hochkletterte beschäftigten mich nur die Fragen, was soll ich tun und was meiner Autoversicherung erzählen. Alles andere war im Moment verloren. Ich war zurückgeworfen in die grenzenlose Banalität dieses Augenblicks.
Irgendwann kam ein Taxi vorbei. (Es geht demnächst weiter: Nahe Tod Erfahrung und mein ‚Danach‘)
Hier zwei Adressen zu dem Thema – auch wenn dort andere Erlebnisse beschrieben werden:
NTE-Forschung
Sterbe-Forschung
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