Ab Januar 2010 werden in der Brigitte keine professionellen Models mehr zu sehen sein. Damit schließt sich das Frauenmagazin einem Trend an, der durch die „Initiative für wahre Schönheit“-Kampagne von Dove ausgelöst wurde und in dem Laufstegverbot für deutlich untergewichtige Models 2006 in Mailand seinen Höhepunkt fand.
Doch so begrüßenswert derartige Aktionen sind, sie ändern nichts an der Tatsache, dass wir begehren, was wir nicht haben. Da unsere Gesellschaft verfettet, schauen wir neidisch auf die Dünnen. Die Asiaten legen sich reihenweise unters Messer, um dem von Mangazeichnern agitiertem Kindchen-Shema mit riesigen Augen zu entsprechen und Kosmetikkonzerne machen ein Vermögen mit der Vermarktung von Bleichmitteln für Haut und Haar, während wir uns im Sonnenstudio fleißig der Züchtung von Melanomen widmen. Selbst so genannte „Naturvölker“ kasteien sich mit primitiven Piercings oder Silberringen um den Hals, um diesen zu verlängern. Es ist also keineswegs das von der Werbung und Mode lancierte Schönheitsideal, dass selbstzerstörerisches Verhalten verursacht, es ist höchstens ein Auslöser für das Mittel der Wahl.
Da Werbung Produkte verkaufen soll und dies am Besten über Träume funktioniert, wird sie auch weiterhin Schönheitsideale propagieren, die für die breiten Masse unerreichbar scheinen. Dass die Dove-Kampagne so erfolgreich war, liegt nicht etwa an ihrem Sympathiefaktor, sondern an der Aufmerksamkeit, die wir normativen Abweichungen zukommen lassen. Würden mehr Konzerne ihrem Beispiel folgen, wären bald wieder Produkte mit Magermodels der Renner – es sei denn wir litten unter einer Hungersnot.
Obwohl genau darunter leiden wir bereits, allerdings ist es kein physischer Hunger der unserer Gesellschaft zu schaffen macht, es ist ein psychischer. Essstörungen sind neben Alkoholismus und Depressionen seit den 60ern zu einer Volkskrankheit geworden und dokumentieren die innere Leere, die die westliche Kultur (bezeichnenderweise seit der Einführung des Fernsehers) erfasst hat. Kinder und Jugendliche hängen an der Playstation, dem TV-Gerät oder virtuellen „Social-Networks“ – die echten Beziehungen bleiben dabei häufig auf der Strecke und damit ein gesundes Selbstbewusstsein. Eben dieses wäre aber der beste Schutz gegen autoaggressive Handlungsweisen wie Bulimie, Depressionen und Süchte aller Art.
Deshalb sollten wir endlich unser (Selbst-)Bild klarstellen und – so unsympathisch sie auch sein mögen – nicht der Mode oder den Werbern die Schuld für unsere Misere geben, sondern Diskussionen darüber anregen, wie wir unsere Kinder nicht nur im Hinblick auf die nächste Pisa-Studie, sondern vor allem in ihrem Selbstwert und –bewusstsein stärken können.
Weitere Meinungen über “Brigitte ohne Models”:
Missy Magazine hält die Aktion für einen PR-Coup
raphaelschlecht.de findet, Magersucht müsste bei Models als Berufskrankheit anerkannt werden
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